Nur Bares ist Wahres? Mobile Payment in Deutschland

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EC-Karte, Kreditkarte, Paypal oder kontaktloses Bezahlen mit dem Smartphone: Bargeld braucht rein theoretisch niemand mehr. Aber nur theoretisch. Denn rund 74 Prozent der Deutschen zahlen laut einer Studie der Deutschen Bundesbank immer noch lieber bar. Woran das liegt? Eine gute Frage. Zeit für eine Bestandsaufnahme. 2017 kauften Verbraucher in Deutschland Waren für fast 59 Milliarden Euro im Internet und steigerten damit im Gegensatz zum Vorjahr den Umsatz um 11 Prozent, ermittelten der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel. Trotz allem, werden selbst Online-Einkäufe bevorzugt auf Rechnung bestellt. Nur jede 20. Zahlung wird per Kreditkarte abgewickelt. Hat Mobile Payment auf dem deutschen Markt überhaupt eine Chance?

In der Freizeit oder beim Wocheneinkauf: Rund 74 Prozent der deutschen Bevölkerung zahlt am liebsten bar.

Die Mehrheit der Deutschen zahlt lieber bar, anstatt Angebote wie Mobile Payment zu nutzen.

Neues Spiel, neues Glück: Start von „Google Pay“ in Deutschland

Ende Juni startet der Internet-Riese Google mit „Google Pay“ in Deutschland den nächsten Versuch, mobile Bezahldienste salonfähig zu machen und vereint damit Android Pay, Google Wallet sowie weitere Dienste in einer Anwendung. Zwar können hier nur Kreditkartendaten hinterlegt werden, aber auch eine Verbindung zu Girokonten ist denkbar. Das Bezahlen mit Diensten wie „Google Pay“ funktioniert über jedes Smartphone, das „Near Field Communication“ (NFC) unterstützt. Seit 2015 ist der Dienst bereits in den USA und zahlreichen europäischen Ländern verfügbar. Jetzt soll auch das Potential des deutschen Marktes genutzt werden.

Bargeldloses Bezahlen: Vor- und Nachteile von „Google Pay“

Allgemein ist der größte Vorteil von Mobile Payment sicherlich die Verfügbarkeit. Keine Suche mehr nach dem richtigen Geldautomaten oder die Frage, wofür das Geld ausgegeben wurde, denn Transaktionen sind digital leicht nachzuvollziehen. Wer ohne Bargeld zahlt, setzt sich zudem nicht dem Risiko von Falschgeld aus und auch eine verlorene oder gestohlene Karte kann leicht gesperrt werden.

Mit „Google Pay“ ist es außerdem möglich, nicht nur in zahlreichen Geschäften, sondern auch auf Websites und in Apps mit dem Smartphone zu bezahlen. Ähnlich wie bei Paypal, kann Geld an Freunde und Kontakte versendet werden. Ob mit dem neuen Anbieter Google auch der Geldtransfer via Sprachbefehl nach Deutschland kommt, steht noch nicht fest. Ein weiteres Feature ist die Nutzung zum Kauf von Fahrscheinen für den öffentlichen Nahverkehr. Einige Städte, wie Las Vegas, Tokio oder London bieten diese Möglichkeit bereits an. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob sich das auch in Deutschland durchsetzen kann. Ein weiterer Pluspunkt für den Nutzer: Hoher Umsatz wird durch Google-Play-Store Guthaben belohnt.

Klingt gut, aber was sind die Nachteile von „Google Pay“ und anderen Anbietern? Gerade in Deutschland ist die größte Schwierigkeit die mangelnde Akzeptanz der Verbraucher und Händler. Außerdem sind die Folgen bei einem technischen Defekt oder dem Verlust des Smartphones weitreichender, da alle Transaktionen des Verbrauchers getrackt werden. Wie wahrscheinlich ist ein Identitätsdiebstahl durch unbemerktes Scannen des Smartphones? Und wie kann der Verbraucher sicher sein, dass seine Daten bestmöglich geschützt sind?

Nutzen und Herausforderungen von Mobile Payment für Unternehmen und Einzelhandel

Ähnlich wie bei einer Kreditkarte, bietet auch Google den Nutzern Bonusprogramme an: Wer beispielsweise bei Ikea, Starbucks oder der Lufthansa mit „Google Pay“ bezahlt, kann Sparangebote in Anspruch nehmen. Neben dem Marketing-Effekt für beteiligte Unternehmen kann so auch Geld im Einzelhandel gespart werden, denn Bargeldversorgung und -einzahlung entfallen. Außerdem ermöglicht die App die Integration von Location Based Services und Social-Media-Interaktion mit den Verbrauchern. Händler erhalten durch Mobile Payment zudem die Möglichkeit, Big Data zu empfangen und auszuwerten, um Kunden individuell zugeschnittene Produkte vorzuschlagen.

Wie wird Mobile Payment den Online- und Einzelhandel verändern?

„Google Pay“ ist einer von vielen Anbietern im Bereich Mobile Payment. Kann sich das bargeldlose Zahlen damit auch in Deutschland durchsetzen?

Bei allen Vorteilen für Unternehmen und den Handel: Eine Umstellung auf Mobile Payment bringt zahlreiche Herausforderungen mit sich. So müssen Mechanismen geschaffen werden, die in der Lage sind, dynamische Preisentwicklungen oder eine Neuausrichtung des Sortiments zeitnah abzubilden. Werden entsprechende Angebote auf allen Smartphones direkt aktualisiert? Steht allen Verbrauchern genügend Speicherplatz auf ihren Geräten zur Verfügung? Diese Faktoren sind grundlegend für eine erfolgreiche Umsetzung digitaler Bezahlmethoden. Weitere Hindernisse können die Gewährleistung einer dauerhaft und verlässlich verfügbaren Internetverbindung sowie ein funktionierendes Sicherheitssystem sein, um die Verbraucher zu schützen. In einigen Bereichen sind zudem zuverlässige Alterskontrollen nötig.

Top oder Flop: Wie wird sich der bargeldlose Zahlungsverkehr in Deutschland entwickeln?

In anderen Ländern ist Mobile Payment längst angekommen. In Schweden ist es geradezu schwierig, noch bar zu zahlen und auch die USA oder Dänemark sind bereits auf der nächsten Stufe des digitalen Zeitalters angekommen. Und Deutschland?

Die Studie der Deutschen Bundesbank zeigt, dass bargeldloses Zahlen auch in Deutschland zunimmt und mittelfristig ein weiterer Rückgang von Bargeldzahlungen zu erwarten ist. Trotz allem bleibt der mitgeführte Betrag an Bargeld konstant. Auch Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung an Scheinen und Münzen als Zahlungsmittel festhält. Insbesondere der private Zahlungsverkehr, wie gemeinsame Geschenke für Freunde oder Taschengeld für die Kinder, bleibt nahezu unberührt. Ebenso verhält es sich mit Fahrkarten- oder Zigarettenautomaten, obwohl oftmals entsprechende Möglichkeiten zur Kartenzahlung gegeben sind.

Die Frage ist, ob ein weiteres Angebot wie „Google Pay“ dauerhaft etwas am Kauf- und Zahlungsverhalten der Deutschen ändern kann. Für jüngere Generationen sind digitaler Handel und Mobile Payment keine Neuheiten mehr. Viele sind mit einem Smartphone aufgewachsen und empfinden das Angebot als selbstverständlich. Folglich wird bargeldloses Zahlen immer weiter zunehmen. Allerdings wird der Prozess in Deutschland eher schleichend verlaufen und noch mehrere Jahre benötigen.

Diese Entwicklung anzustoßen und zu beschleunigen ist Aufgabe der Unternehmen und Händler. Durch Zeit- und Kostenvorteile bei Online-Bestellungen sind sie in der Lage, auch ältere oder skeptische Kunden für Mobile Payment zu gewinnen und den Prozess der Digitalisierung damit aktiv zu gestalten.

Dieser Artikel wurde von Katharina Buschmann während einer Hospitanz bei der Business Academy Ruhr im Rahmen ihres PR-Volontariats verfasst.

Hier veröffentlichen wechselnde Praktikantinnen und Praktikanten der Business Academy Ruhr Beiträge rund um das Digital Business.