Digitales Lernen: nur ein Trend oder die Zukunft der Lehre?

Alle reden immer von der Digitalisierung der Bildung. Nun befinden wir uns in einer Krisensituation und sind gezwungen, das Thema anzugehen. Die Akzeptanz für digitales Lernen ist jedoch nicht bei jedem Lehrenden gegeben. Viele setzen in der Krisenzeit gezwungenermaßen eLearning ein, verfallen jedoch schnell wieder in alte Muster des Präsenzunterrichts. Aus guten Gründen. Dies ist vor allem im schulischen Umfeld der Fall. Wieso aber nicht die Vorzüge beider Lernformen nutzen? Wir erklären, welche Hindernisse es aktuell noch bei der Integration von digitalem Lernen gibt und wie man diese lösen kann. 

Vorurteile zum digitalen Lernen - unbegründet?

Viele Lehrende haben begründete Zweifel, ob digitales Lernen in Ihrem Alltag überhaupt realistisch einsetzbar ist. Diese Zweifel sind dringend ernstzunehmen. 

Grafik Frau sitzt an einem Computer und arbeitet

Nehmen wir dann die junge Referendarin, die gerade frisch aus der Uni kommt und die Möglichkeiten des digitalen Lernens kennengelernt hat. Sie möchte gerne digitales Lernen in Ihre Lehre integrieren, ihr fehlt jedoch in Ihrer Schule die notwendige Infrastruktur dafür.

In der Regel lernen Lehrende in Ihrem Studium ganz praktisch die Vorzüge des digtalen Lernens kennen. Die meisten Universitäten haben eine eigene (meist auf dem Open Source Learning Management System “Moodle” basierte) Lernplattform, die jedoch mehr oder weniger von den DozentInnen in Ihrer Lehre genutzt wird. Aber immerhin ist sie existent. Leider ist das bei vielen Schulen in Deutschland noch nicht der Fall. Jede Schule ist selbst dafür zuständig, die notwendige Infrastruktur für digitales Lernen aufzubauen. Manche Schulen sind gut dabei, andere weniger. Ja, dieses Vorurteil ist begründet. Hier muss dringend an der für digitales Lernen notwendigen Infrastruktur geschaffen werden – deutschlandweit einheitlich, damit alle Lehrenden und Schüler die gleichen Möglichkeiten haben.

Content: Grafik ein Stapel Bücher mit einem Apfel oben drauf

Nehmen wir die 50-Jährige Englischlehrerin, die seit Jahren eine gewisse Arbeitsroutine verfolgt, die in Ihren Augen sehr effektiv ist. Um diese erst zu erreichen, hat sie jahrelang daran gefeilt. Warum diese hart erarbeitete Routine aufgeben? 

Wer sagt denn, dass Sie ihre Routine komplett aufgeben muss? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass man seinen kompletten Lehrbetrieb in kurzer Zeit auf digitales Lernen ummünzen kann. Das darf auch nicht der Anspruch sein. Man fängt mit kleinen Änderungen an und entwickelt sich nach und nach weiter. Man sollte zunächst reflektieren, an welcher Stelle man im Präsenzunterricht an seine Grenzen kommt bzw. Probleme aufkommen. Genau da, wo sowieso noch Optimierungsbedarf besteht, können dann die Möglichkeiten des digitalen Lernens zum Tragen kommen.

Grafik zufriedene Menschen, Erfolg

Das wohl wichtigste Argument: Viele Lehrende sind gar nicht darin geschult, digitales Lernen umzusetzen. Wie sollen Lehrende eLearning einsetzen, wenn sie nicht wissen wie?

Ja, es ist Fakt, dass die meisten Lehrenden in Deutschland nicht wissen, wie man digitale Lehre (effektiv) umsetzt. Viele Lehrenden haben in der Krisenzeit ganz kurzfristig digitales Lernen (meist in Form von Online-Seminaren) auf die Beine gestellt. Das ist zunächst einmal sehr löblich, so ganz ohne Vorkenntnisse. Die Reaktionen der SchülerInnen fiel entsprechend nüchtern aus. Das heißt aber nicht, dass das digitale Lernen per se schlecht ist. Man musste es in kurzer Zeit auf die Beine stellen und hat es dementsprechend sehr simpel gehalten. Das ist jedoch nicht der Anspruch von zukünftigen digitalen Lernprozessen in der Schule.

Neben dem technischen Aspekt (z.B. Bedienung einer Lernplattform) müssen nämlich auch didaktische Besonderheiten beachtet werden. Digitales Lernen ist viel mehr als ein Online-Seminar. Mit einer kurzen Einführung ist es nicht getan ist. Hier ist dringender Schulungsbedarf vorhanden. Zum einen müssen Lehrende einen Überblick darüber bekommen, welche digitalen Tools generell für Ihre Fächer geeignet sind. Generell ist es sinnvoll, für jede Schule eine zentrale Lernplattform zu erstellen, auf die man dann alles aufbauen kann. 

Die Zukunft der (schulischen) Lehre

Wer denkt, das digitale Lernen war nur ein “vorübergehender Trend” und wird sich (wie damals auch vom Internet behauptet) nicht durchsetzen, der irrt. Die Bundesregierung packt das Thema mit der ins Leben gerufenen Initiative Digitale Bildung nun offensiv an. Und das ist auch zwingend notwendig, um zeitgemäße Bildung zu machen.

Aufgrund der oben beschriebenen Hindernisse ist das Projekt jedoch nicht so einfach umzusetzen. Es ist wichtig, die Hindernisse ernst zu nehmen und mögliche realistische Maßnahmen aufzuzeigen. Neben der technischen Ausstattung ist die Didaktik der ausschlaggebene Faktor. 

Didaktik: Kombination von Präsenz und digitalem Lernen

In jedem Lehrszenario muss man sich Gedanken darüber machen, wie man den Lehrinhalt genau vermitteln möchte. Genau das verbirgt sich unter dem Begriff Didaktik. Innerhalb eines Curriculums bzw. Lehrplans sind die Lerninhalte konkret festgehalten, die in einer bestimmten Zeit vermitteln werden müssen. Die Lerninhalte sind demnach bereits festgelegt. Es geht nun  darum, mit welchen Methoden diese Lerninhalte vermittelt werden. Dabei sollte man sich immer genau überlegen, welche Methode zum gewünschten Lernerfolg führt. Gute Lehrende wählen sich die für Ihr Fach besten Lehrmethoden. 

Wenn sich im Laufe der Zeit herausstellt, dass es neue effektivere Methoden gibt, sollte eine Lehrperson offen gegenüber neuer Methoden sein, um die Qualität der Lehre fortlaufend zu verbessern. Wie in jedem Job ist es auch für Lehrende unerlässlich, sich weiterzuentwickeln und nicht auf dem Status quo zu verbleiben. Dies gilt nicht nur für die digitale Lehre, sondern auch für andere innovative Formen der Präsenzlehre.

Frau Erklärt einer Lerngruppe Inhalte an einer Flipchart

Aus didaktischer Sicht wird empfohlen, möglichst vielfältige Lehrmethoden einzusetzen, um Lerninhalte nachhaltig beim Lernenden zu verankern. Dabei geht es unter anderem nicht nur darum, Inhalte “auswendig” zu können (z.B. englische Vokabeln), sondern ebenfalls anwenden zu können (z.B. innerhalb eines Gesprächs). 

Für diese verschiedenen Dimensionen des Lernens gibt es auch verschiedene Lehransätze. Wenn es beispielsweise darum geht, Sprachkompetenzen auszubilden, muss auch ein praktischer Dialog stattfinden. Wie genau man diesen Dialog herstellen möchte, ist dann eine didaktische Frage.

Egal, was man genau an Inhalten und Kompetenzen vermitteln möchte: Man sollte sich immer überlegen, welche Methode (sei es analog oder digital) jeweils am besten dafür geeignet ist. Man agiert als Lehrender in der Regel mit mehreren Methoden und kombiniert diese miteinander. 

Ein Beispiel einer Lehrmethode aus der Präsenz:

Es geht in einer Unterrichtsstunde im Fach Englisch darum, Vokabeln zu üben. Die Lehrerin hat eine Art Parkour ausgebaut. Innerhalb dieser spielerischen Komposition fragt die Lehrerin fünf ausgewählte Schüler nach einer Vokabel. Wer als Erstes richtig antwortet, darf einen Platz aufrücken. Wer als Erstes das Ende erreicht, ist der Gewinner. Der Gewinner bekommt als Belohnung Hausaufgaben-Frei.

Innerhalb dieser sehr kreativen Lehrmethode lernen die SchülerInnen spielerisch. Der einzige Nachteil besteht darin, dass nur ein Bruchteil der Schüler (5 von 30) aktiv an dem Spiel teilnehmen. Nun kann man sich ja durchaus fragen, ob es mögliche digitale Möglichkeiten gibt, als solches Szenario zu initiieren bzw. sinnvoll zu ergänzen. 

Ein Beispiel einer digitalen Lehrmethode:

Es geht im Fach Englisch darum, Vokabeln zu üben. Das Üben von Vokabeln ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Manche lernen schneller, manche langsamer. Manche haben einen stabil höheren Wissensstand, manche vergessen schnell Vokabeln. Man lernt, indem man die ausgewählten Vokabeln wiederholt, am besten in mehreren Anwendungssituationen. Mithilfe eines digitalen Tools können zu Hause als Vor- und Nachbereitung des Unterrichts Vokabeln geübt werden – und das sehr individuell auf Grundlage des eigenen Vorwissensstandes. Mithilfe des Tools werden gezielt Vokabeln wiederholt, die noch nicht gelernt wurden. Dabei wird nicht nur die Vokabel selbst abgefragt, sondern auch in einen größeren Zusammenhang gelegt.

In dem Beispiel wird klar, dass digitale Lernmethoden sehr gut als Ergänzung zur klassischen Präsenzlehre eingesetzt werden können. Die Alternative dazu wäre, dass die SchülerInnen beim Vokabeln Lernen auf sich alleine gestellt sind und eigene geeignete Methoden finden müssen. Mithilfe eines digitalen Tools werden die SchülerInnen beim Lernen unterstützt, denn es wird Ihnen ein formaler Rahmen zur Verfügung gestellt. Zudem kann man die Fortschritte digital nachhalten und “sieht” als Lernender direkt seine positiven Entwicklungen.

Fazit

Es wird eindeutig deutlich, dass die digitalen Lehrprozesse in diesem Beispiel effektiver sind, als die analogen. Deshalb ist die Implementierung von digitalen Lernprozessen an der Stelle sinnvoll. Und genau so sollte eine Lehrkraft mit der Implementierung von digitalen Lehrmethoden beginnen. Schritt für Schritt sollten an geeigneten Stellen digitale Lehrmethoden integriert werden. Das heißt nicht, dass man von jetzt auf gleich komplett auf Online-Lehre umstellen soll. Sondern, dass man die Vorteile von Präsenz- und Online-Lehre nutzt, indem man sie miteinander kombiniert.

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